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Madurai

Ort: Indien / Tamil Nadu / Madurai
Zeit: 22-24.12.2016
Aktivität: Seightseeing
Der Sleeper-Nachtbus von Kumily hat mich kräftig durchgerüttelt, ich habe kaum geschlafen und nun werde ich am frühen Morgen in diese Stadt ausgespuckt. Madurai ist eine indische Millionenstadt, die wenig bietet, bei dem sich westliche Touristen wohl fühlen. Die Stadt erstickt im Verkehrschaos und hält über Tage schneidend schlechte Luft bereit. Für mich dient die Stadt als Zwischenhalt auf dem Weg nach Norden. Dankbarer Weise habe ich nur zwei Tage Zwischenhalt eingeplant.

Nun, auf der anderen Seite kann ich so eine typisch indische Stadt einmal von der Nähe aus erleben. Die Straßen der Stadt, angefüllt mit Unrat und stinkenden Müll, Herberge der Armen, Hungernden und Heimatlosen, sind selbst für mich, der schon viel von der Welt gesehen hat, immer noch schwer zu ertragen. Aber so ist Indien. Auch das gehört zur Reise.

Das Zentrum der Stadt bildet der hinduistische Minakshi-Tempel. Der Sage nach ist er Paravita und Shiva geweiht, die sich in Madurai vermält haben sollen. Vier hohe Türme stehen über den Haupteingangsportalen des Tempels. Sie sind unglaublich reich mit bunten Götterfiguren verziert. Für die zahlreichen frommen Hindus Indiens ist dieser Tempel ein beliebter Pilgerort. Schon früh morgens stehen sie an den Eingängen Schlange. Höhepunkt der Pilgerreise ist der Erhalt des Darshan, des hinduistischen Segens, im innerstern des Tempels. Oft ist mit dieser Zeremonie mit dem anbringen eines Tika verbunden, dem Segenszeichen aus roten Pigmenten, auf der Stirn zwischen den Augen.

Außerhalb der Tempelmauern hat sich eine Symbiose aus Pilgern und Einwohnern entwickelt. Zahlreiche Foodshops und Saftstände versorgen die weltlichen Bedürfnisse. Gold-, Ikonen- und Souvenierverkäfer versorgen Pilger mit den passenden Andenken zu der meist für die Gläubigen sehr bedeutende Reise. Der bunte Kosmos ist aber auch Teil des Sozialsystems. Bedürftige rühren die Herzen und finden so oft zu den nur wenigen Rupien, die sie für einen Tag zum überleben brauchen. Nervig ist  allerdings die verbreitete Schleppermasche. Man wird der Versprechung einer guten Aussicht auf die Dachterassen der benachbarten Geschäfte gelockt. In der Folge wird man dann aber Mühe haben, das unten liegende Ladengeschäft ohne Gezeter oder Einkauf zu verlassen.

Teile der Tempelanlage sind auch für nicht-Hindus zugänglich. Schuhe und Kameras müssen draußen bleiben. Doch dann kann man in den Säulenhallen schlendern, am Tempel-See verweilen oder dem Tempelelefant bei der Arbeit zusehen. Die heiligen Bereiche sind freilich frommen Hindus vorbehalten.

Der Thirumalai Nayakkar Mahal (Thirumalai Nayak Palast) ist ein weiter Ort den ich in Madurai sehen will. Erbaut im siebzehenten Jahrhundert im dravistischen und islamischen Stil war er der Herrschaftssitz der damals hier herrschenden Nayak Dynastie.
Von außen eher unscheinbar ist im Inneren doch noch einiges der prunkvollen Architektur erhalten, wenn auch der Komplex ursprünglich deutlich größer war.

Auch eines der vier indischen Ghandi-Musseen ist in Madurai beheimatet. Folglich komme ich nicht umhin, den Ort des Gedenkens für diesen, für seine Gewaltfreiheit weit über die Grenzen Indiens hinaus bekannten, bewundernswerten Geist  einen Besuch abzustatten.

Doch es sind die kleinen Begegnungen, die mir im Bezug auf diese Stadt in Erinnerung bleiben werden. Das Lachen des Mädchens, das so schüchtern drein blickt, als ich sie nach einem Foto frage. Dann aber doch so anrührend lächelt. Oder auch die offensichtlich recht bedürftige Famile, die ich an den Tempelmauern treffe. Ich mache etwas Blödsinn mit den Kindern und darf ein paar Bilder von Ihnen machen.

Über die letzten Jahre habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, das besuchte Land auch durch einen Haarschnitt kennen zu lernen. Der Meister hat gerade keine Kundschaft, es herrscht eine der nicht seltenen black outs. Kein Strom, keine Frisur. Wir schauen uns gegenseitig mit großen Augen an. Auf Englisch versuche ich mein Anliegen zu verdeutlichen. Zwecklos, bei über 100 Sprachen in Indien sprechen viele ihre lokale Sprache, dann wahrscheinlich etwas Hindi, aber selten Englisch. Nach fünf Minuten der erfolglosen Konversation mit Worten und Zeichensprache drehe ich mich um und setze zum Verlassen des Salons an.
Doch dann bedeutet mir der Meister eindringlich auf dem antiquarischen Frisörstuhl platz zu nehmen. Meinen letzten Haarschnitt habe ich mir in Deutschland selbst mit dem Langhaarschneider verpasst. Aus der gleichmäßigen Länge der Stoppel schließt er, dass ich wohl eine Glatze haben möchte. Mit dem Rasiermesser setzt er zum Kahlschnitt an. Nun, das entspricht nicht so ganz meinem urprünglichem Anliegen. Andererseits hatte ich noch nie eine Glatze, so lasse ich ihn gewähren.
Er ist fertig. Mit einem Lächeln und dem typsich indischen Kopfschütteln ermutigt er mich, seiner Zufriedenheit über das Werk zuzustimmen. Ich lächle, stimme zu. Als ich bereits aufstehen will, drücken mich seine Hände noch einmal sanft in den Stuhl. Es folgt ein Prozedure mit fünf verschiedenen Wässerchen, die aufgesprüht und einmassiert werden. Noch einmal kommt das Messer zum Einsatz, um in aller Ruhe meinen Bartwuschs zu beseitigen. Erst dann ist der Meister zufrieden. Ich bedanke mich, bezahle mit ein paar Münzen für seine Dienste und laufe für die nächste Zeit mit einer Glatze durch Indien.

Auch die Begegnung mit Indra wird mir immer in Erinnung bleiben. Indra will sich nicht abwenden, bedankt sich unaufhörlich und strahlt über beide Ohren. 30 Rupien, umgerechnet 50 Cent, hat er mit mir verdient. Während der Fahrt kam ich mir dekadent vor, ein fauler Tourist, der sich von einem ausgemergelten Inder auf seiner klapprigen Rikshaw pedalieren lässt. Jetzt, wo er so viel Freude sendet, geht mir das Herz auf.
Die Muskelkraft betriebenen Dreiräder sind eine aussterbende Gattung in Indien. Sie verlieren gegen die Motorisierung, gegen die Zweitakt-Tuktuk und Taxen, gegen die Moderne. Die eigentlichen Verlierer sind aber ihre Betreiber. Zu arm sind sie, um sich ein Tuktuk zu leisten. Die wenigen übrig gebliebenen dieser Epoche warten resigniert am Straßenrand, wissend, dass sie den Kampf gegen die Moderne nicht gewinnen können.
Tief in meiner Hosentasche grabe ich nach Münzen, was ich finden kann drücke ich ihm als zusätzliches Trinkgeld in die Hand, dazu ein ernst gemeintes breites Lächeln.

Karte Madurai

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