A+ A A-

Solo Expedition in die Quimsa Cruz

 


Ort: Cordillera Quimsa Cruz, Bolivien
Zeit: 07.10.-12.10.2009
Aktivität: Hochgebirgstrekking zwischen 2700m und 5200m
Inside: Bericht und Bildergalerie


Sollte Walter Moers eines Tages seine zamonischen Bücher verfilmen wollen, so müssten hier die Geschichten über die Finsterberge spielen. Die Berge wirken sehr viel anders, als es die meisten, offenen und weitläufigen Andenketten es tun. Die Täler der Cordillera Quimsa Cruz sind viel enger und das Granit der Berge ist schwarzen Flechten überzogen. Ein manchmal sehr beklemmender Eindruck. Verwegene Minen lassen von außen nur erahnen, wie durchwühlt die Berge in ihrem inneren sind. In den bewohnten Gebieten trifft man freundliche und stolze Menschen. Ihre Körper sind von harter Arbeit und dem Leben unter primitiven Bedingungen gezeichnet. Viele Gebiete sind jedoch der Einsamkeit überlassen. Dort wo etwa der niedrige Zinn-Preis den Abbau unwirtschaftlich gemacht hat, erobert sich die Natur schnell wieder die unter großen Entbehrungen errichteten Siedlungen und Mienen zurück. Häuser und Stollen zerfallen und Viscanchas nutzen die Ruinen als Spielplatz. Die Natur ist ewiger Kreislauf und mit gestorbenen wird sofort aufgeräumt, wenn man einem Kadaver begegnet, was nicht selten passiert, ist das Fell oft noch frisch, während alles essbare bis auf die Knochen schon verputzt ist. Touristen begegnet man hier selten. Das liegt wohl vor allem daran, dass es hier keine Berge gibt, mit denen man zu Hause angeben könnte, einen Sechstausender bestiegen zu haben. Die hohen Fünftausender sind aber in ihrer eigenen Weise mindestens ebenso faszinierend wie manche der Sechstausender der anderen Kordilleren.


Schon die Anreise gestaltet sich abenteuerlich. Zunächst geht es noch auf großen Highways aus La Paz hinaus. Die Straßen werden aber nach jedem abbiegen eine Nummer kleiner und schließlich windet sich die Fahrt auf einer mutig den Bergen abgetrotzten Schotterpiste über 4000er Pässe hinauf. Immerhin sind überall Bauarbeiten und die sanierten Abschnitte sind deutlich angenehmer zu fahren. Plötzlich, schon fast vor dem Ziel, herrscht Stau auf der Carritera. Vor uns steht ein gutes Duzend Fahrzeuge, alle mit abgestelltem Motor und ausgestiegenen Passagieren. Als auch unser Fahrer stoppt laufen wir noch zur nächsten Biegung und erkennen das Problem: Sie haben für die Straßenarbeiten gesprengt und räumen nun mit Bulldozern und Baggern das Geröll von der Straße. Es wir einfach zur Seite geschoben, wo es mit mächtigem Donnern und Staubfahnen in eine Schlucht stürzt. Es wird schon langsam Dunkel, ich verwerfe meinen Plan heute noch zum Trekking aufzubrechen und buche mich in einem Hotel in Quime ein. Ich war der einzige Touri im Bus, bin der einzige im Hotel und nun bin ich auch der einzige Gringo in dem kleinen Restaurant, in dem ich mir ein Menu del Dia gönne. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein rosa Elefant in einer Münchner Fussgängerzone. Alle sehen sich mich komisch an, in dem Städtchen weiß wohl jeder, dass ich da bin.


Nach einer unruhigen Nacht im einsamen und somit geisterhaften Hotelbunker gönne ich mir noch ein Frühstück auf dem Marktplatz. Ein Tasse Instantkaffee und ein staubtrockener Wecken, was soll's. Wenigstens komme ich billig davon, die Fahrt gestern hat mich 2,20 Euro gekostet, das Hotel 2,50 Euro und das Frühstück 30 Cent. Meine Erkundigungen nach einer Fahrtmöglichkeit in die nahe gelegene Minensiedlung Caracoles münden in Ungewissheit. Die Auskünfte die ich erhalte sind alle unschlüssig, die Latinos tendieren eher irgendwas zu erzählen, zugeben zu können, dass sie nichts wissen gehört nicht zu ihren Tugenden. Der Tag ist jung, also gehe ich zu Fuß los. Die Straße von gestern wieder den Berg hoch, aus den Wäldern des Yungas, die vegetationsreichen Hänge, die den Übergang vom Amazonasbecken in die Cordilleren bilden, hinauf in die kahle Welt Cordillera Quimsa Cruz. Mir kommen ganze vier Autos entgegen, in meine Richtung fährt niemand. Ein Bauarbeiter hält mich an. Sein Tag ist langweilig, alles was er tut ist einen Bagger zu bewachen, dessen Motor zwecks Überholung ausgebaut wurde. Er freut sich offensichtlich über die Kurzkonversation, trotz meines schlechten Spanischs. Ein zweites mal wird heute mein Adrenalinspiegel gepuscht. Erst hatte ich mich verlaufen und bin wild einen Geröllhang hinauf geklettert, jetzt quere ich einen Bach auf einer Minibrücke: drei je ca. 10cm dicke Stämme müssen reichen. Die Siedlungen, die ich passiere sind zum Teil verlassen. Offensichtlich gab es hier schon mal bessere Tage. Als ich schließlich Caracoles erreiche treffe ich auf mehr leer stehende als bewohnte Gebäude. Auch die große Mine hat die besten Tage offensichtlich schon hinter sich. Ich folge dem Tal in dem die Siedlung liegt, ein Stück ausserhalb von ihr mache ich nochmals Pause. Ein Stück weiter das Tal hinauf finde ich einen kaum einsehbaren Platz mit Wasser, bereite mir mein Abendessen zu und richte mein Lager mit dem Anbruch der Nacht ein.


Es war kalt heute Nacht, Reif bedeckt mein Zelt. Ich packe und ziehe einige Meter weiter in die Sonne um meinen Haferbrei zu frühstücken. Ein leichtfüßig spazierender Local holt mich ein als ich zum Pass aufbreche. Er freut sich über die Abwechslung, begleitet mich eine Weile. Er arbeite etwas weiter oben, in einer Planta del Luz. Er frage sich, ob das in Europa nicht alles viel besser sei, ob er nicht dort arbeiten könne. Diplomatisch versuche ich ihn in seiner bescheidenen Hoffnung nicht weiter zu stärken. Auch wir hätten schwierige Zeiten, sage ich ihm, das Leben sei sehr teuer. Das Bewusstsein darüber, dass wir zwar überall hin reisen dürfen, für arme Menschen wie ihn, ohne Bildung und ohne Computerwissen praktisch keine Eintrittskarten in das schöne Europa verteilt werden behalte ich für mich. Nach einer Weile wird ihm mein Schneckentempo doch zu langweilig. Er zieht voraus. Ich beneide ihn so gut akklimatisiert zu sein und nicht auch noch einen zwanzig Kilo Rucksack tragen zu müssen. Wenig später treffe ich ihn mit zwei Kollegen im Wasserkraftwerk an. Aber natürlich doch, erhalte ich als Antwort auf meine Besichtigungsanfrage. Das ist wie im Museum, originale Ingenieurskunst aus dem Jahre 1913. El hace un Expedition, ich würde eine Expedition in die Berge unternehmen, erzählt er stolz seinen Kollegen. Innerlich schmunzle ich über die aufwertende Bezeichnung meiner Wanderei und frage nach dem besten Weg zum Pass hinauf. Den Fallrohren folgend werde ich sicher an einen traumblauen Speichersee geleitet. Der Pass entpuppt sich als Staumauer, es geht eine zweite Flanke das Tal hinauf. Ein Einheimischer legt sein Werkzeug weg und läuft zielstrebig aus einiger Entfernung auf mich zu. Ich fühle mich etwas unwohl, beschließe aber Stärke zu zeigen und meine kurze Pause nicht zu unterbrechen. Der Mann entpuppt sich als sehr nett und meine Sorgen somit als unberechtigt. Er wartet ein weiteres Wasserkraftwerk hier oben und freut sich über Abwechslung in seinem sonst eher ereignislosen Leben. Er habe schon mal deutsche Wanderer hier oben getroffen. Ob letztes oder vorletztes Jahr wisse er nicht mehr so genau, erwidert er auf meine Nachfrage nach dem wann.

Mühsam kämpfe ich mich weiter den Berg hinauf, vorbei an Seen und Siedlungen. Ich fühle mich schon matt und müde, als mir einer der E-Werks Arbeiter vom unteren Wasserkraftwerk entgegen kommt. Er war noch kurz Brot holen. Klar, Aufbackfilialen habe ich hier genau genommen keine gesehen, und da die Leute kein Auto haben geht man halt mal knapp 10km zu Fuß zum nächsten Bäcker. Ist ja klar. Dass das auf 4000m liegt ist natürlich auch nur für uns Europäer ein Thema.

Geschichten von Überfällen auf Trekker und Bergsteiger in Bolivien entlocken mir ungeahnte Reserven als das Passieren des hässlichen Ortes Pacuni die unweigerliche Überquerung eines knapp 5000m hohen Passes erfordert. Oben angekommen verfliegt meine Hoffnung nach einem guten Lagerplatz sofort wieder. Das Gelände gibt nix her, zu viele Leute haben mich gesehen, auf dem Pass herrscht reges Fußgängeraufkommen, und es wird langsam dunkel. Auch auf dem Weiterweg zur Siedlung Mina Argentina ist kein vernünftiger Lagerplatz zu erkennen. Als ich schließlich in das Dorf Mina Argentina hinein gehe wird mir klar, dass es schwierig wird mit meinen Prinzipien weiter zu kommen. Zur meinen eigenen Sicherheit hatte ich mir vorgenommen möglichst unbeobachtet, nur weit außerhalb von Ortschaften und an nicht einsehbaren Plätzen zu zelten. In dem Dorf habe ich die Aufmerksamkeit eines nur alle 10 Jahre vorbei kommenden Zirkus erregt und weit würde ich in der Dunkelheit nicht mehr kommen.

Im Grunde habe ich ja keine Ahnung, aber meine Vorstellung von den Leuten hier ist klar. Die meisten der Leute werden redlich sein, doch ich bin mir sicher, dass es auch die anderen gibt. Die Opportunisten, die das Leben in Armut satt haben, die es genug haben sich über das täglich Brot sorgen machen zu müssen, die genug davon haben ihre Notdurft in einer stillen Ecke der Gassen erledigen zu müssen, da es keine Klos und keine Kanalisation gibt. Diejenigen, die sich auch nicht scheuen werden einen Gringo zu überfallen und ein paar Sachen abzunehmen. Schließlich kann man damit sozusagen im Handumdrehen ein Jahreseinkommen verdienen. Es würde mir zumindest nicht sehr schwer fallen es zu verstehen.

Direkt vor der Tour wurde ich auf den Bericht eines leider sehr schrecklichen Überfalls in der jüngeren Zeit auf zwei Bergsteiger aufmerksam gemacht. Das hat mich sehr betrübt. Niemand hat so etwas verdient. Mir bleibt also mein Glaube in das Gute in den Menschen und die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Ein bisschen beruhigt mich, dass ich ein Stück weit versuche meine Teil zu leisten. Meine Münzen haben in La Paz die bettelnden Witwen erhalten, seit Jahren unterstütze ich ein Patenkind in Santa Cruz und die Bettlerin vor meinem Hotel in La Paz schaltete bei meinem Anblick den Gesichtsausdruck von verbittert auf lächeln. Es scheint als konnte sie meine Überbleibsel des Trekkingessens gut gebrauchen

Im Umkehrschluss bleibt mir nur der Ausweg nach einer Übernachtungsmöglichkeit im Dorf zu fragen. Ich ernte verständnislose Blicke, man deutet mir weiter unten im Dorf nochmals zu fragen. Auch dort finde ich erst nur Kopfschütteln vor. Man schickt mich schließlich in einen Laden. Hier könnte ich nicht übernachten, ich solle aber warten, man würde jemand Fragen. Die Kundschaft begutachtet eifrig meine High Tech Ausrüstung als der Inhaber ergebnislos nach zehn Minuten wiederkehrt. Mit Unbehagen warte ich im Laden, in Ungewissheit. Erst als ich Anstalten mache meine Sachen wieder zu packen, werde ich aufgefordert zu bleiben. Der Inhaber begibt sich erneut vor die Tür und kommt nach zwei Minuten zurück. Er hätte eine Übernachtungsmöglichkeit für mich. Allerdings müsste ich erst mal warten, ich könnte meine Sachen hier verstauen und später zu Abend essen. Wohl fühle ich mich nicht, Alternativplan habe ich allerdings auch keinen, so bleibe ich. Wenig später kommen immer mehr Leute in den Laden und dann verkauft auch mir der Inhaber einen Bon für 80 Cent über ein Abendessen im Club Social Argentina, wie das angeschlossene Restaurant heisst. Ich zähle grob 50 Leute die ihr Essen in einem Raum an zwei großen Tafeln einnehmen oder als Takeaway in bloßen Plastiktüten nach Hause tragen. Der Inhaber gibt mir ein Zeichen als mein Vermieter auftaucht. Dieser wiederum gibt mir aber zu erkennen, dass ich weiter warten solle. Ein Fernseher vertreibt mir die Zeit. Beruhigend wirkt die gezeigte Reportage über eine einheimische Fiesta nicht gerade. Ich bin froh meine Mahlzeit schon verspeist zu haben, als sie im Fernsehen den Bullen die Rippen brechen und ihnen die Herzen beim lebendigen Leib heraus schneiden.

Wir bewegen uns beide unsicher in unseren Rollen, ich war noch nie Gast in einer bolivianischen Minensiedlung und auch mein Gastgeber hat offensichtlich selten die Ehre ausländische Gäste empfangen zu dürfen. Im Kooperativengebäude neben dem Laden räumt er mir im Versammlungsraum eine Ecke frei. Mein Gastgeber ist der Ingenieur der Mine und deutlich besser gestellt als die Arbeiter. Er zeigt mir das frisch gestrichene Wohnzimmer, das sich immer noch in Renovierung befindet. Das sei völlig in Ordnung, beruhige ich ihm als ich es in eine Ecke des großen Saals auf dem Holzboden gemütlich mache. Ich habe mich gerade abgelegt, als er nochmals herein kommt. Ihm sei eingefallen, dass sie später noch ein Treffen habe. Er verlegt mich in sein eigenes Schlafzimmer. Ein Elektroradiator leistet nicht nur anderen, ebenso museumsreif aussehenden Elektrogeräten, Gesellschaft sondern spendet auch noch wohltuende Wärme. Die Kammer ist ein ziemliches Kuriositätenkabinett, ich bin aber zu müde um noch irgendwelche Gegenwehr zu entwickeln. Befremdet schlafe ich ein.


Am nächsten morgen erwache ich wohlbehalten auf dem Fußboden der Kammer. Im Bett neben dran ist auch der Ingenieur wach geworden. Langsam packe ich zusammen und bedanke mich ausführlich für die Gastfreundschaft. Mir ist immer noch unbehaglich, obwohl ich mich sicher fühle. Ich will nur hinaus in die Berge. Der Ladeninhaber sollte also Recht behalten. Er hatte mir gestern gesagt, das meine Angst gegenüber den Einheimischen unbegründet sein. Es sei eine sehr eigene Welt hier draußen. Es gibt keine Polizei, dafür aber klare Spielregeln. Verstöße dagegen duldet die Gemeinschaft nicht. Man sollte sich lediglich davor hüten mit den Mineros zu trinken oder Karten mit ihnen zu spielen. Folglich habe ich gelernt zwischen den Mineros und den Camesionos zu unterscheiden. Die Mineros sind meist etwas gebildeter und zumindest herumgekommen. Hingegen gibt es auf den Dörfern sehr viele sehr traditionell lebende Campesinos mit einem ganz anderen kulturellen Verständnis.

Auf dem Weg auf dem Dorf hinaus laufe ich durch stinkende und schlammige Gassen. Die Häuser sind primitiv, der Abfall wird einfach den nächsten Hang hinunter geworfen wo ihn die Schweine nach Essbarem durchwühlen. Ein riesiges Stahlgebäude rostet verlassen vor sich hin. Mit vollem Gepäck kraxle ich eine Geröllhalde hinunter. So habe ich mir meine Trekkingtour nicht vorgestellt. Doch schon direkt außerhalb des Dorfes entschädigen blaue Lagunen, wie die Bergseen hier genannt werden, meine Leiden. Ich folge einem Tal. Am Ende des Fahrweges werde zu einer kleinen Siedlung geleitet. Immer wieder überholen mich Minenarbeiter, sie sind lustig drauf und immer für einen Smalltalk zu haben. Die Hänge im Tal sind durchlöchert, Abraumhalden verweisen auf die vielen Schächte. Bei der Siedlung gibt es ordentliches Trinkwasser aus einer Leitung aus den Bergen. Beobachtet von den Familien aus den umliegenden Höfen gönne ich mir endlich mein Frühstück. Ich bin hungrig und am Talschluß angekommen. Für den Weiterweg in steilen Serpentinen zum Pass hinauf brauche ich eine Stärkung. Mir werden die vielen Leute fast schon ein bisschen lästig, trotzdem verabschiede ich mich mit gegebener Freundlichkeit. Ich konnte auch nicht ahnen, dass dies die letzten Menschen sein sollten, denen ich die nächsten drei Tage begegnen würde.

Der Aufstieg zum Pass kostet mich große Mühen, mein schwerer Rucksack mit kompletter Trekkingausrüstung und Essen für eine Woche sowie die große Höhe setzen mir zu. Die Höhenangaben in der Literatur schwanken und mein Höhenmesser ist nicht kalibriert, grob geschätzt dürfte es sich aber um eine Höhe von 5000m handeln. Es ist dieser Moment des oben ankommens, der mich daran erinnert, warum ich im Urlaub nicht zum Sonnenbaden auf Mallorca fliege: oben am Pass tut sich eine neue Welt auf. Ein weiteres Hochtal, dessen Grund im wesentlichen von einem riesigen azur-blauen See bedeckt wird und an dessen Rändern sich mächtige, zum Teil von großen Gletschern flankierte Bergriesen aufsteilen. Es sind keine Menschen mehr zu erkennen, nur ein paar Ruinen, keine bewohnten Siedlungen. Ich lasse mich für eine kurze Pause nieder. Erst nach über einer Stunde kann ich mich zu weiterer Bewegung aufraffen, zu sehr war ich von der Einsamkeit dieser faszinierenden Berge gefesselt.

Der Pfad hinab zum Ufer des Sees ist in gutem Zustand. Leider führt er sofort wieder eine Flanke über dem See hinauf um eine 100m hohe Felsnase zu überqueren. Bevor es ein zweites mal an den See hinunter geht, suche ich mir einen Lagerplatz. Das Wasser ist zwar von zweifelhafter Qualität, da der Rest aber passt, beschließe ich die Nacht hier zu verbringen.


Der muntere Bach in lagernähe ist über Nacht versiegt. Er ist also gletschergespeist und bietet deshalb nur Oberflächenwasser von mäßiger Qualität, wenn er überhaupt fließt. Ich frühstücke in aller Ruhe, habe ja noch mein über Nacht mit Micropur behandeltes Wasser. Als die Sonne raus kommt zeigen sich ein paar Meter weiter auch ein paar Viscachas. sympathische Spätaufsteher, denke ich mir so. Sie haben mich nicht bemerkt, auch zwei Junge spielen um einen großen Felsblock. Kids von den Zeitgenossen habe ich auch noch nie zu sehen bekommen. Irgendwann erinnere ich mich aber an mein eigentliches Ziel von heute, packe zusammen und verstecke meinen Rucksack. Ich war hier oben geblieben um vielleicht einen der umliegenden Gipfel zu besteigen und folge erstmal einem über mir liegenden Seitental. Die Gletscher haben hier jede Menge Schutt und Moränen hinterlassen, bevor sie sich wieder nach weiter oben aus dem Staub gemacht haben. Als mein Tal in ein weites Becken übergeht kann ich keine leicht zu besteigenden Berge ausmachen. Ich beschließe weiter gerade aus einer deutlichen Felsausprägung zu folgen. Keine Ahnung ob hier überhaupt vor mir schon mal jemand war, suchen würde mich hier auf jeden Fall keiner. Auch Notruf könnte ich keinen Absetzen. So beschließe ich es auf ca. 5200m gut sein zu lassen. Ich habe schon einiges an IIer Kraxelei und schottriges Hochtourengelände hinter mir gelassen, das ich jetzt auch wieder runter muss. Für mich nenne ich den Monolith auf dem ich mir meine Rast gönne den Punto Mirador Reinero. Der Runterweg geht deutlich schneller, doch noch immer ist die Höhe zu spüren. Am Lager angekommen freue ich mich am noch vorhandenen Rucksack und dem wieder auf blühenden Bach.

Ich folge nun wieder der eigentlichen Route des Treks. Unterwegs begegne ich unheimlich vielen Viscachas. Das ist wohl das reinste Paradies für die hasengroßen Verwandten der Chinchillas. Anfangs zähle ich sie noch, gebe das dann auf und schätze die Zahl der bis zum Abend gesichteten Tiere auf ca. 300. Die Jungs sind katzenflink, wenn nicht sogar noch schneller. Ihren körperlangen Ringelschwanz verwenden sie zum Balancieren wenn sie mit unglaublicher Geschicklichkeit von Felsblock zu Felsblock springen. In ihrer Lebensart und ihrem Lebensraum ähneln sie sehr den Murmeltieren der Alpen. Sie leben in Gruppen mit Wächtern in den Geröllhängen der Berge und finden unter Steinen Zuflucht vor ihren Jägern.

Mein Weiterweg verläuft zunächst zum See hinunter um dann wieder zu einem Pass hinauf zu folgen. Den Aufstieg zum Pass hinauf begehe ich in Hochgebirgstrekkingmanir. Das bedeutet in Zeitlupe und auf Katzendapper-Art einen Fuß vor den anderen zu setzen und zu jeder Sekunde genügend Motivation aufzubringen um sich nicht einfach hinzusetzen. Solo Trekking ist in dieser Hinsicht eine unglaubliche Herausforderung, aller Antrieb muss aus dir selbst kommen, du kennst weder den Weg noch das Ziel, keiner lenkt dich auch nur eine Minute ab oder spricht dir Mut zu.

Am Pass angekommen berauscht mich erneut dieses Gefühl, das alle Mühen vergessen lässt. Eine neue Welt tut sich auf und ein Pfad folgt sanft den Hängen hinunter in ein fremdes, grünes Tal. Es ist schon Nacht, als ich einen geeigneten Lagerplatz unten im Tal auf einem alten Moränenrücken finde. Das Wasser kann ich optisch nicht so recht prüfen, mein Tee und die Suppe haben aber eine leicht schlammige Note.


Zunächst wundere ich mich noch über meine heute nach dem Aufstehen überdurchschnittlich faule Stimmungslage. Nach einigem Nachdenken und Rechnen komme ich jedoch zur Überzeugung, dass heute Sonntag ist und dies seine Richtigkeit gemäß Biorhythmus hat. Ich suche mir ein besseres Wasser um ein paar Nudeln in klarer Brühe zu kochen und trockne derweil mein Campingzeug. Sonntagstypisch verbringe ich den Morgen im Weiteren faul und mache erst ein mal ein paar Notizen. Schließlich springt aber mein innerer Motor doch an und treibt mich zum Weitergehen. Der Weg ist klar erkennbar, er ist nach Art der Inka in ca. 2m Breite aus Natursteinen gepflastert. Es ist heute der vierte Tag in dem ich mich allein in einem entlegenen Gebirge auf einem fremden Kontinent bewege und ich fühle mich gut. Die Tatsache, dass ich schon seit eineinhalb Tagen keinen Menschen mehr gesehen habe und dass ich nur mit einer Tourifaltkarte in vier Farben (statt Höhenlinien) mit mir habe können dies nicht trüben. Ich habe gelesen, dass der für heute anstehende Abzweig zum Abra Incachaca schwer zu finden sei und freue mich, als ich nach einiger Mühe die Querung zu einem Pass nach Nordwesten hin finde. Wie recht sie haben, denke ich mir, als ich nach einigem Suchen den Pass hinauf steige. Stellenweise ist der Weg deutlich an seiner Pflasterung und den Begehungspuren zu erkennen, stellenweise ist er aber kaum zu erkennen. Der Trick mit dem Eimer roter Farbe hat sich leider hier auch noch nicht herum gesprochen. Der Weg folgt dem Tal, es gilt eine Steilstufe zu überwinden. Ich folge Trittspuren, verliere aber offensichtlich den Weg. In IIer Kletterei überwinde ich das Hindernis und kann oben wieder den Weiterweg erkennen. Verworrene, aber stellenweise deutliche Pfade führen mich vor ein riesiges Geröllfeld in dem die kleineren Steine fernsehergross sind. Nebel zieht herein und es ist bereits vier Uhr nachmittags. Grund genug um auf dem weitem aber zugigen Felsband das Zelt aufzuschlagen. Für heute ist nichts mehr zu holen. Vor dem Einschlafen lese ich noch Robert Rauchs Timewalk fertig.


Ein Rütteln am Zelt lässt mich Hochschrecken, doch es ist nur eine Windböe. Mehrfaches Zerren am Zelt unterbricht bis zum frühen Morgen noch wiederholt meinen leichten Schlaf. Dafür habe ich um halb Sieben schon Sonne am Zelt und genieße die Aussicht von meinem Felsbalkon. Trekking ist zeitintensiv und so wird es acht bis ich los komme. Erneut schaue ich mir das Gelände genau an und komme wiederholt zu dem Schluss, dass der Weiterweg nur über das weite Blockfeld führen kann und dies der eigentliche Pass sein muss. Mit der Motivation eines der letzten Hindernisse in Angriff zu nehme steige ich in das Blockfeld ein. Wegspuren wären hier nicht zu finden, das gibt das Gelände nicht her. Im Vertrauen auf meinen Instinkt kämpfe ich mich weiter durch. Mitten drin muss ich aber feststellen, dass der Weg nicht offensichtlich wird. Viel mehr wird der Weiterweg im ersichtlichen Gelände immer schwieriger vorstellbar. Ein Abbruch zum Tal hin zwingt mich nach oben in Richtung eines weiten Bandes zu steigen. Im brüchigem Gestein spreize ich einen Kamin hinauf, einen anderen Weg finde ich nicht. Mir ist klar, dass ich mich verlaufen habe. Würde mich auf der Hauptroute spätestens nach ein paar Tagen jemand finden, so bliebe mir hier die bescheidene Hoffnung, dass die Aasfresser damit warten, bis ich richtig tot bin bevor sie an mir arbeiten, sollte mir etwas zustoßen. Ich versuche, den bösen Gedanken nicht zu viel Platz in meinem Kopf einzuräumen und mich statt dessen auf meine bis dahin ja durchaus ausreichende Fähigkeiten zu konzentrieren. Kann man das nicht ausblenden, so bleibt einem nur heulend sitzen zu bleiben und das bringt einen ja bekanntlich nirgendwo hin.

Inzwischen finde ich wieder einige Trittspuren, ob von Vieh oder Menschen lässt sich nicht so genau unterscheiden, aber so deutlich sie sind muss es irgendwo hin gehen. Endlich finde ich dann einen Weiterweg aus der Bergflanke und nach einigem Suchen finde ich sogar einen Pass in die gewünschte Richtung. Matt und mit wenig Hoffnung schleppe ich mich dessen letzte Meter hinauf. Ein Kondor kreist eine Weile über mir, sein Check meiner Gesundheit fällt zu meinen Gunsten aus. Er zieht weiter, offensichtlich kommt er im Gegensatz zu mir zum Schluss, dass aus mir so schnell kein Aas wird. Oben angekommen kann ich mich endlich wieder definitiv mit der Tourikarte und meinem Minikompass orientieren. Meine Richtung passt, allerdings bin ich ein ganzes Stück zu weit nördlich gelandet. Im Gelände wir mein Weiterweg ersichtlich. Wenn es nur nicht so entsetzlich weit aussehen würde. An verlassenen Minen und Bergseen vorbei komme ich schließlich zu Ortschaft Mina Nevada. Das Dorf ist ruhig, die meißten der wenigen Einwohner sind in den Minen und arbeiten. Ein Kind und ein freundlicher einsamer Minero begrüßen mich. Es ist der erste Menschenkontakt seit drei Tagen.

Mir ist bewusst, dass auch mein heutiges Ziel, die Stadt Viloco, nicht wirklich auf Fremdenverkehr eingestellt ist. Der Minero motiviert mich mit der Aussicht auf einen abendlichen Bus von dort aus nach La Paz. Man würde etwa zwei Stunden brauchen, oh, mit meinem vielem Gepäck zweieinhalb.

Tatsächlich brauche ich viereinhalb Stunden um den 5000er Pass dazwischen zu überwinden und nach Viloco hinunter zu steigen. Ich ignoriere das Brennen meiner Füße und lasse mich von der hereinbrechenden Dunkelheit nicht beirren. Die Stadt liegt im Dunkel, ihre nur zum Teil mit Lampen herumhuschenden Bewohner sowie deren kläffenden Köter wirken arg befremdlich auf mich. Ich lasse mich aber nicht beirren.

Erneut stelle ich aber bei meinen Erkundigungen nach dem Bus fest, dass die Leute hier sehr freundlich sind. Sie selber können ja nix dafür, dass es hier keine ordentliche Straßenbeleuchtung gibt und nur so selten irgendwelche Wanderer durch kommen. Naja, an die allseits neugierigen Blicke kann ich mich nie so richtig gewöhnen. Verstehen kann ich es aber.



So kommt es, dass ich mich in den 19:30 Bus nach La Paz setzte. Meine Wahrnehmung ist nach dem harten Tag zwar getrübt, die holprigen und staubigen Sandpisten durch die Berge lassen mich aber lange trotzdem keinen Schlaf finden. Erst als am frühen Morgen die Highways in den geteerten Zustand übergehen nicke ich für eine Weile ein. Man lässt mich die sehr frühen Morgenstunden noch in El Alto im Bus schlafen, erst um halb Sieben wirft man uns raus. Ein Taxi bringt mich in den Talkessel von La Paz, in der Calle Sagarnaga steige ich aus. Freude steigt in mir auf, als ich Lunas Cafe schon offen sehe. Eigentlich machen sie nur Frühstück für eine Gruppe, die eine Tour über eine Agentur gebucht haben. Man sieht mich aber leiden und so bekomme ich ein fürstliches Frühstück. Als ich das Ei und die tropischen Früchte in mich hinein schaufle, denke ich: endlich kein Haferbrei mehr. Die Gruppe macht sich auf, sie fahren heute mit dem Moutainbike die gefährlichste Straße der Welt, die Death Road, hinunter. Welch Abenteurer, denk ich mir und nippe an meinem Kaffee.

Tagged under Bolivien
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.